haehnchen und politik bei mrs makhumula
blantyre, 13.2.2005

wenn im doogle's, dem in-backpacker von blantyre die musik zu schlecht wird (marusha, oh shit) und der hunger drueckt, bleibt nur die flucht. raus aus der stacheldrahtbewehrten trutzburg fuer traveller und reiche malawier, ueber die strasse und ins "safari restaurant". aus kraechzenden boxen droehnt ein uebersteuerter radiosender, und hinter der theke warten mrs makhumula und ihre enkelin auf hungrige. ah, ein green bitte, und dazu ein ganzes haechnchen mit nsima, der malawischen polenta. mrs makhumulas haehnchen schmecken phantastisch. wir erzaehlen ihr, wie traurig die mageren legehennen in deutschland schmecken. "ich zuechte sie selbst, und sie bekommen bei mir gemuese und gutes futter", sagt die grauhaarige alte dame. und wenn wir unsere zaehne in den flattermann schlagen und wohlig brummen, strahlt sie. die haehnchen koennen es locker mit dieser gaststaette in kreuzberg, "neue welt" oder so, aufnehmen, die in berlin als beste haehnchenbraterei bekannt ist. aber mrs makhumula ist mehr als nur die chefin des "safari restaurant". letztes jahr hat sie sich als unabhaengige kandidatin fuer das malawische parlament zur wahl gestellt. hat am ende nicht gereicht, sagt sie, denn allein gegen die grosse politik anzukommen, das geht auch in malawi nicht. aber man wuenscht sich solche frauen ueberall in ostafrika an der macht. resolut, wuerdevoll, integer. das waere schon mal ein anfang. als wir sie auf die "lost generation" ansprechen, laechelt sie. nein, die jungen maenner haetten es tatsaechlich nicht so mit dem arbeiten. ihr vater und ihr grossvater seien da noch ein anderer schlag gewesen. "die haben hart gearbeitet und auch die feldarbeit gemacht", sagt sie. "damals haben die frauen sich noch mehr auf die hausarbeit konzentriert." heute machen die frauen in ostafrika fast alles: familie, geschaeft, markt, landwirtschaft... "aber frueher ist auch die arbeitslosigkeit noch nicht so hoch gewesen", fuegt sie wie zur entschuldigung der jungen maenner von heute an. -nbo

 

Baechtig moese
Blantyre, 12.2.2005

Nach vielen bemerkenswerten Eindruecken in Malawi bleibt mir einer am nachhaltigsten in Erinnerung: der Fischgeruch in meinem Rucksack, der sich waehrend der Fahrt von Mangochi nach Blantyre ausgiebig in einer Fischlache auf dem Boden vom Minibus suhlen darf und ordentlich damit vollgesogen hat. Als ich den gelangweilten Fahrer beim Aussteigen streng frage, was er denn davon haelt, meint dieser nur: û I donâÄ™t know, can you forgive me?" Mensch nein, natuerlich nicht, du alte Knalltuete! Faellt hier denn keinem mal was besseres ein als andauernd dieser beharrliche Stumpfsinn? Oh Herr, wirf Hirn vom Himmel. Und vielleicht auch ein kleines Paeckchen Waschpulver? nach Diktat verreist âÄ“dwo

 

afrika lebt
blantyre, 11.2.2005

wir sind nicht verschollen. nein, wir waren nur die letzten zwei wochen offline und sind heute sehr entspannt in blantyre, der industriestadt malawis, angekommen. nach gut einer woche in diesem kleinen land um diesen riesigen see koennen wir euch allen nur empfehlen: kommt bloss hierher. hier ist noch pures afrika. unten gibt's wieder einiges zu lesen: ueber stone town, eine sehr lustige vespa-fahrt durch sansibar, eine 20-stunden-zugfahrt mit "chinesischem mist", eine zweitaegige "kreuzfahrt" ueber den malawi-see, das "trainingslager fuer philanthropen", drei kanadische phiestaner im geiste und last but not least ueber einen phantastischen ort am suedufer des sees. PS von nbo: vielen dank fuer die tollen geburtstagsgruesse. es war ein schoener tag auf dem see, mit kerzen und rotwein auf dem first-class-deck...

 

ein tag in monkey bay
10.2.2005

es ist die perfekte oase des friedens. ein breiter strand mit palmen in einer lang geschwungenen, eingerahmt von gruenen huegeln. in der ferne ueberragt eine schroffe bergkette den malawi-see. fischer lassen ihre einbaum-kanus ins wasser, kinder planschen. niemand nimmt notiz von uns zwei mzungus, die im "venice beach", dem einzigen guesthouse weit und breit, ihren kaffee trinken. kein gequatsche, keine verkaeufer. als im hintergrund eddy grants "gimme hope joanna", der anti-apartheid-song von 1988, laeuft, geht eine frau gemessenen schrittes unter einem aufgespannten sonnenschirm den strand entlang. stolz. in diesem augenblick scheinen apartheid, kolonialismus, rassismus und das afrikanische elend nur fernes echos duesterer zeiten zu sein. hier in monkey bay treffen wir wieder auf das afrika, von dem wir leichtfertig getraeumt haben. auf dem fussballacker hinter dem dorf spielen die schulmannschaften von monkey bay und mangochi gegeneinander. die spieler umkurven kleine palmenstummel, die auf dem spielfeld wachsen. das publikum ist bereits in partylaune, am spielfeldrand probieren die mangochier stage diving, denn ihr team fuehrt mit 1:0, und es sind nur noch wenige minuten zu spielen. auf der dorfstrasse erschallen die unvermeidlichen beats, und in einigen bars werden die ersten greens gekoepft. so muss sansibar vor 30 jahren auch mal gewesen sein. die monkey bayer koennen gluecklich sein, dass der touristenscheiss noch nicht ueber sie gekommen ist. -nbo

 

tropische kreuzfahrt
monkey bay, 9.2.2005

um sieben uhr abends gehen wir in nkhata bay an bord der "ilala". knapp zwei tage "tropische kreuzfahrt" liegen vor uns, ans suedende des malawi-sees. james und dawn sitzen schon auf dem erste-klasse-deck (jaja) in korbsesseln. wo man auch hinkommt auf dem pfad nach sueden, man trifft staendig bekannte gesichter. wir trinken ein paar greens mit ihnen und nicken schliesslich auf unserer matratze ein. zwei stunden spaeter geht der erste wolkenbruch los, der wind treibt das wasser auch unters riesige sonnensegel, unter dem wir liegen. an schlaf ist nicht mehr zu denken. wir fluechten aufs kabinendeck, wo sich die restlichen traveller zusammenkauern. mitten in der nacht erreichen wir dann likoma island. das deck leert sich schlagartig. die traveller gehen von bord. wir erhaschen ein paar stunden schlaf und finden uns am naechsten morgen allein auf dem deck wieder. woldo zuendet geburtstagskerzen fuer mich an, und ein kaffee bringt uns wieder auf die beine. wir spannen unsere haengematte auf und passieren entlegene stranddoerfer am ostufer in mosambik. weil das wasser zu seicht ist, werden die rettungsboote herunter gelassen und bringen bruellende ziegen, fracht und passagiere an den strand. ein junger typ ist mit dem zurueckkehrenden boot an bord gekommen, springt kurz vom deck ins wasser und schwimmt zurueck an den strand. gute idee, denke ich, und goenne mir beim naechsten halt eine geburtstagsdusche. fuenf meter tief fliege ich ins klare gruenliche wasser, vorbei an verdutzten afrikanern auf dem unteren deck, und klettere wieder an bord. in der ferne ballen sich schon neue gewitterfronten zusammen, hinter denen die sonne verschwindet. die bar auf unserem deck ist geschlossen, ausser uns ist dort niemand mehr, der noch trinken wuerde. wir koepfen zur feier des tages einen rotwein und geniessen den frieden dieses riesigen, stillen sees, auf dem selten ein anderes boot zu sehen ist. die stille waehrt nicht lange - um ein uhr nachts reisst uns ein hoellenunwetter aus dem schlummer. die ilala faehrt jetzt direkt durch ein gewaltiges gewitter, rechts und links schlagen blitze in den see ein und tauchen fuer sekundenbruchteile die regengepeitschte oberflaeche in grelles unwirkliches licht. der donner ist ohrenbetaeubend. das gesamte deck ist triefnass und woldo und ich ducken uns in die letzte trockene windgeschuetzte nische an der bar. nach einer stunde haben wir den tropischen gewittersturm ueberstanden. ich klettere wieder in die haengematte, woldo legt sich auf die bank daneben. als wir aufwachen, ist die sonne schon wieder ueber dem mosambikanischen ufer im osten aufgegangen. ein neuer tag auf dem see hat begonnen. ankern, boote zu wasser lassen, fracht aufnehmen, so geht es stunden lang weiter am malawischen westufer entlang, bis wir nachmittags monkey bay erreichen. seelengewaschen gehen wir von bord. -nbo

 

trainingslager fuer philanthropen
8.2.2005

zwei monate fahren wir nun schon durch ostafrika. und mit jedem kilometer verstehen wir weniger. die oberflaeche ist phantastisch, rift valley, savannen mit zigtausenden von tieren, tropische palmenstraende, ueberbordende maerkte, menschen in bunten gewaendern, moscheen und kirchen selbst in der hintersten halbwueste. das auge schlingt und schlingt, bis mir flau wird von all den eindruecken. aber afrika selbst scheint mir dabei zu entgleiten, ja mich zurueckzuweisen, je naeher ich mich herantaste. keine spirituelle faszination schlaegt mich in ihren bann wie in asien. stattdessen fuehle ich den kolonialismus von einst wie einen bumerang auf mich niedersausen, mich den mzungu, den faranji, weiss wie ein leuchtturm, der sich nicht verstecken kann. ich will nur beobachter sein und werde ueberall auf meinen vermuteten geldsack hin abgescannt. jedes gespraech, jede hilfsbereite geste endet in einer ausgestreckten hand. ostafrika am anfang des 21. jahrhunderts ist mir ein unentwirrbares knaeuel aus traeumen von einem besseren leben, latenter gewalt, enttaeuschung und ausbeutung. mir brennt sich ein bild ein, wieder und wieder: von menschen - eigentlich sind es fast immer junge maenner -, die am strassenrand warten und nicht wissen, worauf. alte menschen sind eine raritaet, die jungen dafuer allgegenwaertig mit ihrer gier nach leben, ihrer rohheit, ihrem machismo und ihrem nicht-wissen-wohin-mit-sich. nicht anders als bei uns, nur in einem ausmass, das ich von zuhause nicht kennen. ostafrika, das sind kuenstliche nationen in einer kollektiven pubertaet. der westen leuchtet und ist doch verhasst, weil zu maechtig, so erwachsen, brutal und guetig zugleich, eine unertraegliche anmassung, die auch allzu oft wahr ist. und gerade deshalb eine allzu billige entschuldigung. "but what can we do?" und "this is africa" sind die ewigen letzten worte, wenn wieder etwas irreparabel im eimer ist, wenn eine neue einheimische elite zur naechsten bereicherungswelle ansetzt und der geldstrom des westens verdunstet, bevor er ein pflaenzchen in der provinz benetzen konnte, wenn man seinen arsch nach 24 stunden "ass working" wieder nicht hochbekommen hat. afrika, ja gerade ostafrika, war die wiege der menschheit, und hier liegt auch die zukunft. denn irgendwo zwischen baobabs und akazien und grashuetten muss die frage beantwortet werden, ob und wie hass und gewalt ueberwunden und ein gutes leben auch fuer die dreiviertel der menschheit moeglich sein kann, die nicht im westen geboren wurden. wir westler haben keine ueberzeugenden antworten mehr, haben auch lange genug den klugscheisser gespielt. uns bleibt nur eins: nicht auch noch in nihilismus zu verfallen, mit dem unser kanadischer freund curry-kalle seine afrikaerfahrung resuemiert, und gleichzeitig mit diesem philanthropischen flanieren und posieren auf dem laufsteg intellektuellen goodwills zuhause aufzuhoeren. kuemmern wir uns lieber um unseren eigenen mist, der sich im westen hoch genug auftuermt. ich fuer meinen teil werde mich bis auf weiteres der konsequenten "lokalisierung" verschreiben. no sleep till pauli. -nbo

 

dr. viwanda
nkhata bay, 7.2.2005

"ich bin kein hexendoktor, den namen habt ihr mir gegeben", sagt william alias dr. viwanda laechelnd mit dem hauch eines vorwurfs. "ich bin ein naturheiler." "ihr", das sind die europaeer. naja, meine ich, das seien doch wohl eher unsere grosseltern gewesen. william duerfte so um die 40 sein. in seiner "chapika"-arztpraxis in kakumbi, einem dorf oberhalb von nkhata bay, bringt er die einheimischen wieder auf vordermann. der unterschied zwischen hexendoktor und naturheiler ist fuer ihn eine frage der ehre. denn hexendoktoren, klaert er uns auf, beschraenken sich darauf, boese geister auf arglose menschen zu hetzen. er als naturheiler hingegen will alles, was die leute quaelt, aus ihren koerpern und auch seelen vertreiben. dazu sammelt er in den umliegenden waeldern wurzeln, blaetter und baumrinden. mahlt sie zu einem schwarzen feinen pulver, dass dieselbe wirkung wie aspirin hat. sagt er. gut moeglich, das in dieser mischung aus mehr als 20 pflanzen viel salicylsaeure drin ist wie in aspirin. dieses wie seine praxis chapika genannte pulver ist williams allzweckarznei gegen kopfweh, schmerzen, fieber... stressgeplagten, falls es die in nkhata bay geben sollte, koennen mit einem trunk zur ruhe kommen, in dem das extrakt zweier wurzeln - lipulanda und subala - steckt. ein anderes wurzelpulver hilft gar gegen malaria. aber dr. viwanda hat auch so manche obskure behandlung im angebot. in einem flaeschchen schwimmen ein paar muenzen in einer nach terpentin riechenden fluessigkeit. das mittel werde verabreicht, wenn jemand glueck brauche, zum beispiel ein gutes geschaeft abschliessen wolle. einfach ein paar tage vor dem grossen augenblick ein wenig auf den kopf reiben und warten, bis das glueck wirklich lacht. meningitis wird angeblich dadurch geheilt, dass man dem kranken einen strick um den hals legt. recht straff, bis die krankheit verschwindet. und wer sich vor der verwuenschung eines hexendoktors schuetzen will, kann sich von dr. viwanda zehn kleine schnitte an verschiedenen koerperstellen beibringen lassen, in die dieser dann ein pulver streut. der uebergang von der chemie zur magie ist bei dr. viwanda fliessend. aber in seinem weltbild trennt man nicht harte fakten und weiche mythen. alles gehoert zusammen. selbst als exorzist verdingt er sich manchmal. dann wird die von den geistern der vorfahren heimgesuchte person einer zwei- bis dreistuendigen trancesession unterzogen, bis dr. viwanda mit den geistern direkt kommunizieren und sie vertreiben kann. er selbst sei mit 18, 19 voller boeser geister gewesen, erzaehlt er, habe nur mist erzaehlt und sich von der dorfgemeinschaft abgesondert. dann ging er anderthalb jahre nach simbabwe, wurde geheilt und lernte selbst die naturheilerei. in kakumbi sorgt er fuer das wohlergehen der doerfler seit zehn jahren. natuerlich nicht aus reiner selbstlosigkeit. wer zu dr. viwanda kommt, muss auch zahlen. eine dreitaegige behandlung mit dem chapika-pulver kostet 100 kwacha, etwa einen dollar. klingt billig, aber es ist ein fuenfzigstel eines durchschnittlich schlechten monatseinkommen in malawi. das ist so, als ob bei uns eine schlichte aspirinkur 30 euro und mehr kostet. fuer eine gluecksbehandlung mit seiner muenz-tinktur nimmt er gar 300 kwacha. wenn das keine schwarze, ja kapitalistische magie ist: geld zieht geld an. das ist im westen auch nicht anders. -nbo

 

phiesta in nkhata bay
3.2.2005

frueh morgens ueberqueren wir mit james und dawn, den englaendern, die grenze zwischen tansania und malawi. neues land, neues glueck. vor dem grenzhaeuschen rauchen drei kanadier eine zigarette, und zack, beschliessen wir, zu siebt weiter zu fahren. kurzerhand mieten wir einen ganzen minibus nach sueden. zwei der kanadier haben eine deutsche mutter: norbert und karl, der sich als begnadeter eisbrecher entpuppt. ein dummer spruch, ein witz, ein laecheln, und jede situation entspannt sich augenblicklich. zum beispiel, als ein polizist unseren minibus anhaelt und den fahrer und seinen schaffner (hier gehoeren ja immer mindestens zwei zur besatzung) zu 2000 kwacha (20 dollar) verdonnern, weil ein scheibenwischer fehlt. nicht dass das den ersten polizeiposten auf unserem weg gestoert haette. aber dieser hat offenbar die gunst der stunde erkannt: wo mzungu drin sitzen, faehrt viel geld vorbei. und an einem afrikanischen minibus wird man immer einen grund fuer ein bussgeld finden. als fahrer und schaffner lang und breit mit dem bullen verhandeln, tritt nun karl in aktion. er behauptet, nico, der dritte kanadier im bunde, habe hohes fieber, wir haetten es sehr eilig. nico schlaeft zwar nur, aber der spruch wirkt, und weiter geht's. schneller wird die fahrt aber nicht. der minibus ist total rott und keucht auf einem zylinder die haenge am ufer des malawi-sees hoch. am spaetnachmittag erreichen wir endlich nkhata bay (james und dawn haben wir in mzuzu verabschiedet). eine kleine quirlige hafenstadt am malawi-see, mit dick zugewachsenen ufern, die zum wasser hin abfallen wie an der cote d'azur. nach dem dritten "green", wie das in malawi gebraute carlsberg genannt wird, dreht karl eine tuete. wir sitzen in einer lauen sommernacht unter baeumen hoch uber dem see und hinten, auf der anderen seite uber mosambik, zucken blitze durch den nachthimmel. wir hoeren endlich unsere gute alte ska-CD, "I want justice", erzaehlen viel quatsch und lachen noch viel mehr. zum ersten mal seit unserem abschied auf dem dammtor-bahnsteig vergesse ich, in der ferne zu sein. karl, den wir "curry-kalle" taufen (wegen seines nachnamens kouri), norbert, der so herrlich "this is pure shit, man" fluchen kann, und nico entpuppen sich als phiestaner im geiste. kein wunder: le plateau ist fuer montreal das, was st. pauli fuer hamburg ist. der phiesta-spirit ist international. -nbo

 

 

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